Über das Horrorszenario, dass die Vereinigung der Wiesnwirte zeichnet.
Man stelle sich das einmal vor: Eine Wiesn, auf der wir Currywurst statt Schweinswürstel oder Burger statt Ochsensemmeln essen; oder gar Thai-Curry statt saurem Lüngerl. Dazu trinken wir Sarti Spritz, weils halt gerade modern ist, oder Champagner, weil der besser zum Schlürfen unserer französischen Austern passt. Das offizielle Schlürfgewand ist allerdings die Lederhose oder das Dirndlgewand, weil das ja die Tradition so verlangt.
Bier gibts schon auch noch, aber kein traditionelles Wiesnbier, wie es schon vor 100 Jahren in den Märzenburgen floss, sondern ein zeitgenössisches helles Exportbier. Hergestellt wird das von den größten Braukonzernen der Welt, die auch unter dem Jahr noch nicht einmal mehr die am stärksten mit München verbundenen Biersorten brauen. Den Festgastronomen ist es aber eh lieber, wenn das bodenständige Klirren von Maßkrügen durch das Profitverheißendere von Champagnerflöten ersetzt wird.
Bairische Musik gibt’s in den meisten Zelten gar nicht, und wenn doch, nur für ein paar Takte, um kurz darauf durch internationale Chartmusik ersetzt zu werden – am Ende noch dargeboten von einer Showband oder gar von irgendwelchen Mallorca-Nasen zu Musik aus der Konserve.
So oder so ähnlich stellen wir uns das Horrorszenario vor, vor dem uns die Vereinigung der Wiesnwirte glücklicherweise schützen möchte. Diese sehen das schönste Volksfest der Welt nämlich bedroht durch den Vorstoß von Alexander Egger, erst seit 2022 Wiesnwirt, prüfen zu lassen, ob die Konzessionsvergabe auf der Wiesn mit rechten Dingen zugeht.
Dieser Vorgang löst bei einigen Wirten offenbar regelrechte Panik aus. In einer Pressemitteilung der Vereinigung der Wiesnwirte lässt sich der Wirtesprecher und direkt vom Vorstoß Eggers bedrohte Christian Schottenhamel zitieren: „Die Vergabepraxis hat sich seit Jahrzehnten bewährt und ist ein Garant dafür, dass die Wiesn nach wie vor ein Ort ist, an dem unser bayerisches Brauchtum gepflegt und unsere Traditionen hochgehalten werden!“
Was soll denn wirklich gerettet werden?
Die Aufrufe zur Wiesnrettung in Kombination mit einer bemerkenswerten Verklärung der eigenen Bedeutung der großen Wiesnwirte für das Kulturgut Oktoberfest veranlassen uns, das ein oder andere doch einmal zurechtzurücken. Bei der Wiesnrettung sind wir schließlich gerne dabei. Sie ist die wesentliche Motivation dahinter, dieses größte unabhängige Wiesnportal zu betreiben. Die Wiesn ist nämlich weiterhin das großartigste Fest der Welt und allen Unkenrufen zum Trotz traditioneller als der Großteil der bayerischen Volksfeste. Doch gerade in den letzten Jahren hat sie auch massiv gelitten.
Als regelmäßiger Wiesnkinileser haben Sie es schließlich mit Sicherheit schon bemerkt: Das eingangs geschilderte Szenario ist nicht ganz das, vor dem die derzeitigen Wiesnwirte warnen, sondern entspricht eher einer Beschreibung des Status quo. Ganze sechs große Zelte, darunter auch die Schottenhamel-Festhalle, sowie die Boandlkramerei auf der Oidn Wiesn boten im Vorjahr Currywurst an. Immerhin fünf auch einen „Burger“. In der Schottenhamel-Festhalle stand ein solcher von 2015 bis 2019 auf der Karte.
Wer sich gar Auszüge der Speisenkarte des Weinzelts anschaut, wird kaum auf die Idee kommen, die eines bairischen Festzelts vor sich zu haben. Légumes grillés, Fish & Chips, Garnelen im Tempuramantel, Springrolls, Yakitori-Spieße, Chai Sui Bun, Money Bags, Gyoza, asiatischer Coleslaw und vieles Weiteres Beliebiges, Internationales findet sich darauf. Natürlich fehlt darauf dennoch kein Hendl, doch könnte dieses kulturnihilistische Nebeneinander durchaus auch als das Wischi-Waschi gedeutet werden, vor dem wir jetzt plötzlich gewarnt werden.

Wieviel Münchner Bierkultur pflegen die Brauereikonzerne?
Auch der Großteil der Münchner Großbrauereien scheint seinen Traditionsbegriff allein auf sein unwiderrufliches Wiesnmonopol zu beschränken. Um beispielsweise der Mehrheitseigentümerin der Paulaner-Gruppe, der Immobilienfamilie Schörghuber, Interesse an der Münchner Bierkultur zu unterstellen, müsste man sich schon weit strecken. Selbst das Brauereizelt auf der Wiesn wird regelmäßig in einer Art erneuert, sodass es nicht wiedererkennbar ist. 2019 wurde selbst der Zeltname nach 124 Jahren einfach geändert. Paulaner macht es für jeden ganz einfach sichtbar, dass der Konzern nicht an einer Wiesntradition, die über die Zulassungsgarantie hinausgeht, interessiert ist.
Das Hacker-Pschorr-Logo, das ganze zwei große Wiesnzelte ziert, ist sogar nur noch eine kaum noch gepflegte Marke der Paulanergruppe, die wiederum zu 30 % zu Heineken gehört. Noch nicht einmal in angeblichen Gastronomieaushängeschildern wie dem Donisl oder dem Hackerhaus kann man sich darauf verlassen, Hacker-Pschorr-Bier zu bekommen. Im SAP-Garden schmücken die Schankautomaten Paulanerlogos, obwohl sie laut Angebot eigentlich Hacker ausschenken. Weitere Beispiele für den mangelhaften Respekt vor den eigenen Marken ließen sich leicht finden.
Spaten, Löwenbräu und Franziskaner sind ihrerseits nur noch wenig bedeutsame Regionalmarken des größten Braukonzerns der Welt, Anheuser-Busch InBev, der seine Zentrale in Belgien hat. Der einst stolze Löwenbräu hat noch nicht einmal mehr Angestellte und aus der früheren Löwenbräu AG wurde das Immobilienunternehmen Custodia AG. Spaten, der Brauer der Löwenbräubiere, verfügt seinerseits über keinen gestandenen Brauereiausschank. Wie sinnvoll wäre ein solcher auch? Es gibt schließlich neben dem Wiesnbier nurmehr ein Helles und ein Alkoholfreies, das unter der Marke Spaten firmiert. Das Starkbier Optimator wird zwar wie auch das Münchner Dunkel noch gebraut, aber nur im Ausland auch verkauft. Lediglich den im Internet verschwiegenen Maibock kann man in manchen Wirtschaften noch ergattern.
Eine Münchner Brauerei, die kein Dunkles mehr verkauft. Das ist so absurd wie eine Kölschbrauerei, die auf Helles umsteigt und entspricht dennoch der Wirklichkeit. À propos Biersorten: Selbst auf der Wiesn leben die Münchner Brauereien keine besondere Tradition vor. Märzenbier war über Jahrzehnte so sehr mit der Wiesn verbunden, dass auch heute noch viele Wiesnbesucher meinen, dort Märzen ausgeschenkt zu bekommen. Tatsächlich hat zum Ende des 20. Jahrhunderts hin eine Art Dortmunder Export das bernsteinfarbene Märzen abgelöst. Weil es halt dem zeitgenössischen Mehrheitsgeschmack entspricht. Die Paulanergruppe braut zwar unter beiden Münchner Marken noch ein Oktoberfest-Märzen, tut dies aber in erster Linie für den amerikanischen Markt. In München ist der einzige Ort, an dem wenigstens das Hacker-Märzen zu bekommen ist, das Poschnerzelt.
Sarti Spritz oder Sangria – Was schadet der Wiesn mehr?
Getrunken wird auf der Wiesn aber eh zunehmen nicht aus Bierkrügen, sondern Champagnerflöten. Der dazugehörige Champagner soll teilweise gar schon Monate im Voraus mit der Reservierungsanfrage vorbestellt werden. Dass die Champagne kein Seitental des Tegernsees ist, weiß ganz bestimmt auch Herr Schottenhamel. Dennoch hat er jahrelang um die Erlaubnis gekämpft, (Schaum-) Wein und andere im Wiesnkontext nicht sonderlich traditionelle Erzeugnisse anbieten zu dürfen. Wenn er auf dem Instagram-Kanal des Heimatpakts vor Sangria auf der Wiesn warnt, selber aber Sarti Spritz verkauft, fehlt uns die Fantasie, hier eine Linie zwischen Kulturgut und Horrovision zu ziehen.
Für unbairische Einflüsse braucht es keine europaweite Ausschreibung
Über die Beliebigkeit der Musik in den Oktoberfestzelten haben wir uns in der Vergangenheit schon ausgelassen. Wenn ein Heino oder ein Mickie Krause ihr Repertoire zum Besten geben werden diese jedenfalls nicht plötzlich zu Münchner Volkssängern, nur weil sie das in der Fischer-Vroni tun. Und wenn das älteste Wiesnzelt, die Schottenhamel-Festhalle, die älteste Wiesnkapelle am Abend durch eine Showband ersetzt wird, dann mit Sicherheit auch nicht aus Gründen des Traditionserhalts.
Beim Schutz der Wiesn als kulturell bedeutende Traditionsveranstaltung sind wir sofort dabei. Nur dass dafür die Fortführung der Unkündbarkeit der Akteure dienlich ist, die die Wischiwaschisierung in den letzten Jahren und Jahrzehnten weitergetrieben haben, möchten wir schon gerne infrage stellen.
Nichtsdestotrotz schüren manche ihrer Wirtevertreter nun Ängste, Einflüsse von außerhalb, die sich anscheinend zwingend aus einer Ausschreibung nach EU-Recht ergeben sollen, könnten alles verschlechtern. In der Öffentlichkeit unbeachtet bleibt hierbei der Umstand, dass selbst die Vergaberichtlinien der Landeshauptstadt dazu geführt haben, dass bereits seit 2009 ein Gastronomiecontainer namens Wildstuben von den Bremer Schaustellern Trudi und Klaus Renoldi (jun.) auf dem Oktoberfest betrieben wird – ohne jeglichen Münchner Gastronomiehintergrund. Die dort aufgeführte Oktoberfestparty wird von fünf Musikdienstleistern bespielt, von denen lediglich eine Formation aus Altbayern stammt, dafür eine aus Franken und ganze drei aus Baden-Württemberg.
Bereits seit 2007 betreiben die Renoldis ihr Almhüttendorf auf dem Canstatter Wasen. Nachdem dieser schon seit Längerem in etwa dem entspricht, was auch die vielen anderen „Oktoberfeste“ bieten, kann man wohl von einem Reimport von zweifelhafter Qualität sprechen. Wenn in bester Mallorca-Manier vom Stehtisch herunter ins Mikrofon gebrüllt wird, ist kaum noch von Wischiwaschi zu sprechen. Dem Wirtschaftsreferat gefällt der Betrieb der Renoldis hingegen so gut, dass er immer wieder, zuletzt im Vorjahr, erweitert wurde. Ein Hang zu äußerst zweifelhaftem Verhalten wurde der Familie glücklicherweise nur in Bremen zum Verhängnis.
Doch muss man den Blick überhaupt bis nach Bremen schweifen lassen, um zu hinterfragen, ob alle derzeitigen Beschicker zu den Brauchtumspflegern taugen, zu denen sie die Wirte-Pressemitteilung jetzt hochstilisieren will? Kann man beispielsweise von jemandem, der noch nicht einmal die bairische Sprache verwendet, erwarten, einen starken Bezug zur bairischen Kultur zu haben? Verkleidet ist man schnell, doch steht die Wiesn laut der Pressemitteilung „für München, Bayern, unsere Werte und unsere Lebensart“ und dafür muss man nun einmal auch einen gewissen Sinn haben. In dieser Hinsicht hat Weinzelt-Wirt Sebastian Kuffler seinen Kollegen einen Bärendienst erwiesen, als er das Verbot der äußerst profitablen Champagnerspritzerei damit kommentierte, dass die Wiesn für ihn keine Kulturveranstaltung sei. Vielleicht möchte man sich auch beim Wirtschaftsreferat einmal überlegen, wie sinnvoll es ist, derartige Symptome zu verbieten, das Übel jedoch nicht an seiner Wurzel zu packen.

Würde durch die Ausschreibung nach EU-Recht alles besser?
Ist zu erwarten, dass eine offenere Ausschreibung per se zu einer besseren, weniger beliebigen Wiesn führt? Bestimmt nicht. Ist ein Protegieren der Akteure, die dazu geführt haben, dass sich ein Wiesndamischer wie der Autor dieser Zeilen die Mühe macht, die Unaustauschbarkeit der derzeitigen Könige der Wiesn zu relativieren, notwendig, um sie als Hochfest der bairischen Kultur zu sichern? Offenbar auch nicht.
Es bleibt zu hoffen, dass der Vorstoß Eggers keine bloße Behinderung der Organisation des diesjährigen Oktoberfests darstellt, wie es momentan im Raum steht, sondern dass er vielleicht wirklich manche wichtige Person aufrüttelt – auf Seiten der Stadt, der Wirte und der Brauereien. Denn dem Anspruch Schottenhamels, die Festwirte seien „mehr als nur Gastronomen – sie sind die Hüter einer jahrhundertealten bayerischen Kultur“, werden derzeit nur wenige gerecht. Dass die Wiesn in ihrer über 200-jährigen Geschichte zu einem einzigartigen, schützenswerten Kulturgut geworden ist, wie es in der Wirte-Pressemitteilung heißt, sollte tatsächlich „niemals persönlichen Interessen geopfert werden“. Nur darüber, wer die Personen sind, vor denen sie geschützt werden muss, sind wir uns möglicherweise nicht ganz einig.
Über Ihre Meinung freuen wir uns auf Facebook, Instagram oder Reddit.


