Der städtische Haushalt soll mit der Vergabe an den Eventriesen Live Nation saniert werden.
Vor einigen Wochen wurden wir auf ein Angebot des Schützenzelts aufmerksam, das Platzreservierungen zu wertvollen Zeiten nicht nur an Hotelreservierungen band, sondern zudem mit einer Reservierungsgebühr in 140-facher Höhe der vom Wirtschaftsreferat (RAW) erlaubten 1,50€ pro Person verknüpft wurde. Nach unserer Veröffentlichung wurde uns vom RAW mitgeteilt, dass es bei diesem Angebot kein Problem sähe. Inzwischen hat die Gerüchteküche einiges an uns herangetragen, das diese Haltung aufklärt: Die Landeshauptstadt vergibt das Recht zur kommerziellen Verwertung des Oktoberfests an Live Nation.
Man könnte diese neue Kooperation als Abfallprodukt der Adele-Konzertreihe betrachten, durch die der Kontakt zu deren Veranstalter Live Nation zustande kam. Veranstalter Klaus Leutgeb fuhr 2024 sogar in der Kutsche des damaligen Wirtschaftsreferenten Clemens Baumgärtner beim Wiesneinzug mit. Der Stadt kommt die Gelegenheit gerade recht. Ihr Schuldenberg könnte nach Berechnungen der Kämmerei nämlich bis zum Ende des Jahrzehnts auf bis zu 13 Milliarden Euro anwachsen. Schon länger war deshalb zu hören, man könne sich die Volksfestfolklore, die die Wiesn umgibt, eigentlich nicht mehr leisten.
Zwar wird bereits jetzt der Wirtschaftswert des größten Volksfests der Welt auf über 1,5 Milliarden Euro geschätzt, doch geht die Kämmerei davon aus, dass allein aufgrund ideologischer Beschränkungen wie dem freien Eintritt für Festgelände und -Zelte jährlich ein neunstelliger Betrag am städtischen Haushalt vorübergeht. Damit soll zukünftig Schluss sein. „Wir reservieren nicht mehr einfach Sitzplätze, sondern bieten Oktoberfest-Fans Experiences aus einer Hand an, die verschiedene Komponenten wie Travel, Accommodation und Food & Beverage beinhalten“, heißt es in einem Konzeptpapier, das uns vorliegt.
Im Geiste einer zeitgemäßen Vermarktung des Festivals sollen an Werktagen insbesondere Corporate Incentives das Bild bestimmen. Auffälligerweise liegen die Preisvorstellungen für Individual Eperiences, also Privatbesuche, zu den stärker nachgefragten Zeiten sehr nahe im Bereich der 200 €, die das Schützenzelt aufruft. Hinzu kommen das obligatorische Drei-Gänge-Menü sowie die vorzubestellenden Getränke. Erweitern kann man die Experiences um das Trachten-Addon. Im Forum Schwanthalerhöhe soll laut Live Nation für die Wiesnzeit die größte Trachten-Mall der Welt eingerichtet werden, wo sich Besucher zeiteffizient ihr Gewand kaufen oder auch ausleihen können, um den traditionellen Charakter des Festes zu würdigen.
„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, war schon in den letzten Jahren häufig zu hören. Die zaghaften Modernisierungsversuche mit Bühneneffekten und Partybands gehen aber freilich noch lange nicht weit genug. Hinter vorgehaltener Hand wurde über die Bauerndisco gelästert, die nicht auf dem internationalen Niveau liege, auf dem das Oktoberfest eigentlich zu spielen hat.
Deshalb soll schon heuer massiv in den Bereich Party Experience investiert werden. Dass selbst die Provinz, beispielsweise am Karpfhamer Fest, mehr LED-Wände zu bieten hat, könne nicht der Münchner Anspruch sein. Das Oktoberfest soll bereits nächstes Jahr in der gerade international bedeutsamen Metrik Pixels-Per-Attendee (PPA), also Pixel pro Besucher, mit der Weltspitze aufschließen. Für eine Megabrand wie dem Oktoberfest müsse die Sphere in Las Vegas der Maßstab sein, nicht die bayerische Provinz, heißt es weiter.
Wir haben das RAW um Stellungnahme darüber gebeten, ob diese neue Richtung noch mit dem gerne beschworenen Volksfestcharakter vereinbar sein kann. „Das Oktoberfest bleibt auch weiterhin ein traditionelles Münchner Volksfest. Das wird allein schon dadurch deutlich, dass auch weiterhin die sechs traditionellen Münchner Brauereien exklusiv das Oktoberfest beliefern“, bekamen wir als Antwort.
In Bezug auf die Experience-Pakete wurde uns mitgeteilt, dass „die Landeshauptstadt München als Veranstalter der Wiesn nichts gegen Pakete [hat]. Sie bieten Planungssicherheit und einen bequemen Service (‚Rund-um-sorglos‘), was vor allem für internationale Gäste wichtig ist”, was auch in der Vergangenheit schon so gewesen sei.
Außerdem solle Einheimischen weiterhin ein Spontanbesuch möglich sein – buchbar bis zu einem Montag im Voraus für ausgewählte Personen. Um in den Genuss dieses kleinen Kontingents zu kommen, ist im Sinne einer markentreuen Produktgestaltung eine vorherige Registrierung als Cultural Representative notwendig. Mit dieser Besucherkategorie soll nämlich trotz aller Änderungen der Authentizitätsanspruch des originalen Oktoberfests sichergestellt werden: Trachtentragende Bairischsprecher können sich im Rahmen einer Gewand- und Mundschau bewerben, um vor Ort für Fotos von Touristen zur Verfügung zu stehen und mit bairischem Dialekt für einen exotischen Einschlag zu sorgen. Dieses sogenannte Bavarian Casting soll im Laufe des Sommers stattfinden.
Um die Wiesn weiterhin für alle Bevölkerungsschichten zugänglich zu halten, wird weiterhin eine Virtual-Reality-Experience entwickelt. Hierfür wird eigens eine Halle im Messezentrum bereitgehalten, in der Oktoberfestfans für nur 10 € Eintritt ihr Lieblingsfest hautnah in seiner ganzen Pracht erleben können. Sogar typische Düfte wie gebrannte Mandeln und Chlor sollen im VR-Bummel erlebbar sein.
Noch in der Schwebe liegt allerdings die Zukunft der Oidn Wiesn, die bislang eine aus kommerzieller Sicht ungünstige Zielgruppe anspricht. Denkbar wäre beispielsweise eine Umgestaltung in eine Art Oktoberfest-Reenactment, bei dem aus sicherem Abstand echten Bayern beim Feiern zugeschaut werden kann. Als Vorbild könnten etwas die Landshuter Hochzeit oder die Oktoberfest-Völkerschauen früherer Tage dienen.
Wir begrüßen jedenfalls, dass nun endlich alte Zöpfe abgeschnitten und die Wiesn ins 21. Jahrhundert befördert wird. Als Ticketing-Partner können wir unseren Lesern unter dem untenstehenden Link ab sofort Experience-Pakete anbieten.

