Heuer scheint sich eine Befürchtung vom Vorjahr zu bewahrheiten: Ein Drittanbieter hat die Hand auf wertvolle Wiesnreservierungen.

Wir haben dieses Jahr vermehrt Zuschriften von Lesern erhalten, die frustriert mit der Entwicklung der Tischreserviererei sind: Sobald eine wertvolle Reservierung verfügbar ist, ist sie auch schon wieder verschwunden. Einen wesentlichen Grund sehen wir in einem Produkt, vor dem wir im Vorjahr bereits gewarnt haben. Da dessen Auswirkungen inzwischen deutlich spürbar zu sein scheinen, möchten wir das Problem noch einmal aufgreifen.

Seit 2023 gibt es das Reservierungswiderverkaufsportal Oktoberfest-Booking.com, welches vom Reservierungsportalanbieter Festzelt OS betrieben wird. Dieser hat sich inzwischen zum Monopolisten aufgeschwungen, den alle großen Zelte bis auf das Festzelt Tradition verwenden. Obwohl der Zweitmarkt weiterhin eine Randerscheinung darstellt, vermutlich weil kaum jemand, der über eine wertvolle Reservierung verfügt, den Wirt wissen lassen will, wenn er sie einmal nutzen kann, auf die Gefahr hin, diese Reservierung nie wiederzubekommen, ist die Plattform seit letztem Jahr auch aus Gästesicht ein ganz wesentlicher Akteur im Reservierungswesen.

Damals wurde nämlich der kostenpflichtige Reservierungsalarm eingeführt. Für 9,99 €, bzw. 29,99 € im Jahr kann man sich für eine bestimmte Kombination aus Zeit und Zelt über neue Angebote informieren lassen, je nach Zahlungsbereitschaft via E-Mail oder Whatsapp. Nachdem die Benachrichtigungen zehn Minuten vor der Veröffentlichung der Wiederverkaufsangebote versandt werden, haben somit bei ausreichendem Erfolg des Alarms Nichtabonnenten keine Möglichkeit, eine Reservierung übernehmen zu können. Im Extremfall wird auch der günstigere E-Mail-Alarm aufgrund der Zustellungsverzögerung gegenüber der WhatsApp-Option nutzlos.

So wird der Reservierungsalarm angepriesen - auffälligerweise ohne den Benachrichtigungen über Reservierungsmöglichkeiten am Erstmarkt.
So wird der Reservierungsalarm angepriesen - auffälligerweise ohne den Benachrichtigungen über Reservierungsmöglichkeiten am Erstmarkt.

So weit, so hinterfragenswert. Das noch größere Problem sehen wir allerdings darin, dass der Reservierungsalarm, obwohl gar nicht beworben, auch reguläre Reservierungen umfasst. Das bedeutet, dass Festzelt OS als Herr über die Datenbanken, schneller als jeder Konkurrent es jemals könnte, Benachrichtigungen verschickt, sobald für das abonnierte Zelt und die abonnierte Zeit etwas frei wird. Nicht am Zweit-, sondern am Erstmarkt. Und genau deshalb haben Nichtkunden von Festzelt OS inzwischen einen erheblichen Nachteil, selbst wenn es um die Reservierung ganz regulärer Tische geht.

Eine solche E-Mail erhalten Abonnenten, wenn ein Tisch für die abonnierte Zeit frei wird.
Eine solche E-Mail erhalten Abonnenten, wenn ein Tisch für die abonnierte Zeit frei wird.

Sobald die Firma ausreichend viele Abonnenten akquiriert hat, sind somit zumindest wertvolle Reservierungen für Nichtabonnenten unerreichbar, was man heuer schon recht deutlich zu spüren scheint. Nachdem wir uns seit jeher für eine zugängliche und durchgängige Wiesn und eine Demokratisierung der Reserviererei einsetzen, können wir uns für diese Kommerzialisierungstendenz nicht sonderlich begeistern. Einmal normalisiert, dürfte eine weitere Umsatzoptimierung nicht mehr lange auf sich warten lassen. Man könnte Mehrzahler doch noch schneller informieren... und wieso sollte der Alarm für einen Montagmittag überhaupt das Gleiche kosten wie für einen Freitagabend? Oder die Boandlkramerei das Gleiche wie das Schützenzelt?

Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Und bevor wir jetzt ungewollt Werbung für Oktoberfest-Booking machen: Damit der Dienst etwas bringt, müssten überhaupt erst einmal Tische öffentlich angeboten werden. Soll heißen, wer beispielsweise eine Abendreservierung für das Löwenbräuzelt sucht, wird für seine 30 € nie einen Alarm bekommen, weil diese noch nie öffentlich vergeben worden sind.